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Glück

Mit dieser Geschichte habe ich an einem Schreibwettbewerb auf Kurzgeschichten-Welt teilgenommen und den zweiten Platz belegt.

Das Thema war wie folgt vorgegeben:

DIE AUFGABE


Eine Speiche an meinem Fahrrad hat mich zum heutigen Thema inspiriert. Es lautet:

Glatt durchgebrochen!


Tja, doch was ist durchgebrochen? Und weswegen? Welche Folgen hat das? Nun, ich weiß es nicht. Lasst Euch etwas einfallen – egal, ob lustig, tragisch, romantisch, mysteriös, beängstigend oder … äh … bomfortional. Denkt Euch einfach etwas aus – das Genre ist Euch überlassen.

Ach ja, da sind ja noch ein paar Punkte, die Ihr einbauen solltet. Wie Ihr das macht, ist Euch überlassen … aber die Punkte müssen irgendwie angesprochen werden:

  • Der Wind war ziemlich stark. Deswegen flog es rückwärts. Was? Das ist Euch überlassen!
  • Klärt bitte die Frage, ob es das tiefe G war oder ob Barry White -> auf der Bühne gefurzt hat, als Euer Protagonist ein Konzert von ihm besuchte.
  • Der beste Freund Eures Protagonisten kann Kung Fu. Trotzdem hat er fürchterlich eins in die Fresse bekommen. Aber warum nur?

So, ich denke, diese Aufgabe ist durchgedreht genug, um Euch herauszufordern. Und weil es diesmal doch sehr absurd ist, soll es eine kleine Erleichterung geben: Ihr müsst nur zwei von den drei genannten zusätzlichen Punkten verarbeiten (ich möchte wetten, der gute Barry White bleibt auf der Strecke, hehehe).

Haut rein!

Die Zeit war wieder auf 48 Stunden begrenzt!

Kritik, Lob oder einfach nur Kommentare können hier abgegeben werden


Schwitzend und fluchend schleppten sie das Gestell den Abhang hinauf. Der Wind verfing sich immer wieder in der Plane, die als Segel dienen sollte und erschwerte ihr Bemühen erheblich. Immer wieder bauschten aufkommende Böen das Segel bist fast zur vollen Größe auf.

„Reicht das nicht?“, fragte John schon zum wiederholten Mal.
„Nie im Leben! In dieser Höhe kommen wir nicht weit und landen mitten im Meer. Dann hätten wir gleich rüber schwimmen können. Das hätte den Haien bestimmt gut gefallen. Wir müssen aus maximaler Höhe abspringen, damit wir überhaupt eine Chance haben, diese verdammte Insel da drüben zu erreichen.“.

Seit nunmehr 4 Tagen hingen sie hier fest. Dass sie ihre Cessna 182 „Skylane“ noch eingermasen landen konnten, grenzte schon an ein Wunder. Die Kahlheit der Insel rette ihr Leben. So konnten sie die Bruchlandung einigermaßen steuern und wurden nicht durch Bäume oder ähnliches abrupt abgebremst.

Glück und Pech schienen sich in den letzten Tagen regelrecht abzuwechseln.
Der Motorschaden! Pech.
Die Bruchlandung ohne Verletzungen überstehen! Glück!
Auf einer Insel gelandet zu sein, die so gut wie keine Vegetation und darum auch keine Tierwelt beheimatet! Pech!
Die Ladung… Na ja, man kann es unter diesen Umständen als Glück bezeichnen.
Ein Karton mit Dosenananas und ein Karton mit Dosentomaten können lebensrettend sein, wenn man sonst keine Lebensmittel hat.
Natürlich war das Funkgerät defekt! Pech!
Jetzt kommt hoffentlich die zu erwartende Glücksphase.

Aus Verstrebungen der Cessna, angeschwemmten Treibholz und den Abdeckplanen der Cessna, die sie diesmal glücklicherweise mitführten, bauten sie sich ein abenteuerliches Fluggerät, das entfernt, sehr entfernt an einen Drachen erinnerte. Oder, je nach dem, von welcher Seite man es betrachtete, auch an einen Gleitschirm mit einem überdimensionalen Gestell. Das Gestell musste immerhin zwei erwachsene Männer tragen könne. Die Konstruktion verdankten sie John, der neben seinem Profisport Kung Fu, Peter immer wieder mal zum Drachenfliegen animierte. Ihnen blieb keine andere Wahl. Die Vorräte waren so gut wie aufgebraucht. Lebensmittel gab es keine auf diesem gottvergessenen Eiland. Und das Meer war verseucht mit Haien. Man sah so viele Schwanzflossen vor der Küste kreuzen, dass sich die Vermutung aufdrängte, die Haie wissen genau, dass hier Futter kommt.

Endlich hatten sie die Anhöhe erreicht.
„Von hier oben sieht das gar nicht mehr so hoch aus“ bemerkte Peter. Ihm war mittlerweile schon etwas mulmig. Die Anstrengung stand beiden noch ins Gesicht geschrieben und liess sie nicht gerade zuversichtlich aussehen.

„Lass uns ein paar Minuten ausruhen“ Peter setzte sich hin und betrachtet sorgenvoll den Himmel.
Wolken waren aufgezogen. Dunkle Wolken.
„Wollen wir nicht lieber den aufkommenden Wind ausnutzen?“ John deutete auf die Wolken, die Geschwindigkeit aufgenommen hatten.
„Du hast Recht!“ Peter versuchte zuversichtlich zu schauen, was ihm aber nicht so recht gelang.

Sie stellten sich beide in das Gestell, blickten sich noch kurz an. “ Dann mal los“ krächzte Peter und, wie vorher vereinbart, rannten sie beide so schnell sie konnten auf den Abgrund zu.
Wilde Gedanken schossen Peter durch den Kopf, „Hätte es nicht doch eine andere Lösung gegeben?“, aber in diesem Moment fielen sie schon ins Leer und stürzten drei bis vier Meter senkrecht in die Tiefe, bevor ein Aufwind sich in ihrem Drachensegel verfing und sie ruckartig nach oben riss.
„Es funktioniert“ schrie Peter überschwänglich. Und tatsächlich trieben sie wie geplant Richtung der rettenden Insel entgegen, wo man schon aus dieser Entfernung die üppige Vegetation ausmachen konnte. Ihr El Dorado.

„Pass Du auf das Steuerruder auf.“, sagte John. Besorgt betrachtet er über sich die immer dunkler werdenden Wolken und unter sich die Dutzende von Haifischflossen.

Sie hielten wie durch ein Wunder die Höhe. Die Insel nähert sich langsam, aber stetig.

Plötzlich sackten sie mehrer Meter ab und eine starke Böe erwischte sie.
„Wir fliegen ja rückwärts“ schrie Peter mit vor Verzweiflung überschlagender Stimme.
„Ich kann nichts dagegen machen“ John war den Tränen nahe und bewegte wild das Steuerruder.
„Du musst das Steuerruder ganz zu dir herziehen, dann drehen wir uns etwas. Das könnte reichen“
John riss am Ruder. Es bewegte sich nicht. „Es klemmt!“ John starrte Peter mit vor Panik geweiteten Augen an.
„Du musst es bewegen, oder wir werden zurückgetrieben“ Peter Stimme überschlug sich.
John riss wie wild an dem Ruder. Es knackte und mit einem lauten Krachen schnellte es auf ihn zu. Da nutze ihm all seine Kung Fu Künste nichts. Das Ruder kam mit großer Geschwindigkeit auf ihn zu, dass ihm keine Reaktionszeit mehr blieb. Das aus Streben der Cessna zurechtgebogene Ruder hinterließ einen langen, dunkelroten Striemen, der sich von der linken Augenbraue bis fast zum rechten Mundwinkel diagonal durchs Gesicht zog. Es schmerzte höllisch. Er sah die vielbeschriebenen Sternchen vor Augen, wollte sich aber nichts anmerken lassen.
„Nichts passiert. Tat gar nicht weh“ sagte er. Meinte er zu sagen. Aber es kam irgendwie nur ein Röcheln aus seinem Mund. Das Ruder sorgte neben dem dunkelroten Striemen auch für eine Platzwunde an der linken Augenbraue. Das Blut floss ihm langsam, aber beständig ins Auge und sorgte für ein starkes Brennen. Ihm wurde leicht schwindelig. Der Horizont kippte ab. Das nächste, das er sah, war das Gesicht von Peter, der sich besorgt über ihn beugte. Aber Peter wurde immer kleiner. Da wurde ihm bewusst, dass er den Halt verloren hatte und aus dem Gestell geglitten war. Das Wasser kam immer näher.
„Müsste ich jetzt nicht schreien“ fuhr ihm durch den Kopf. Dann wurde es plötzlich eiskalt, als er in das vom mittlerweile aufgekommenen Sturm aufgepeitschte Wasser eintauchte.
Peter sah wie betäubt seinen Freund in den Fluten verschwinden. Genau mitten in einen großen Pulk von Haifischflossen. Wenige Sekunden danach bildete sich an der Stelle ein rötlicher Fleck, der sehr schnell immer weiter verwässerte, bis nichts mehr auf seinen Freund hinwies.

Zum Nachdenken oder gar Trauern blieb ihm keine Zeit. Das schnell zusammen gezimmerte Fluggerät war auf eine einseitige Belastung nicht ausgelegt. Wild schlingerte er durch den immer stärker aufkommenden Sturm. Er versucht sich in der Mitte zu halten, damit die Konstruktion nicht nach einer Seite abkippte und er seinem Freund unweigerlich folgen musste.
Die Sichtweite betrug nicht einmal mehr hundert Meter. Starker Regen hatte eingesetzt. Der Sturm entwickelte sich zu einem regelrechten Orkan. Wild wurde er hin und her geschaukelt. Manchmal machte er Sätze von vielen Metern durch die Luft.
Wie lange das jetzt schon ging, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Eine Stunde? Viele Stunden? Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Seine Kraft reichte kaum noch aus, um sich festzuhalten. Langsam ließ der Sturm nach. Die Wolken verzogen sich. Die Sicht wurde langsam besser. Mühsam konnte er die Augen offen halten. Nur nicht einschlafen.
„Wo ist die Insel?“ fuhr es ihm durch den Kopf. Er versuchte sich umzudrehen, aber ringsum nur Wasser. Panik erfasste ihn. Wie weit war er nur abgetrieben? Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf.
„Direkt unter mir?“ Mit letzter Kraft und voller Hoffnung senkte er den Blick. Nichts. Nur Wasser. Meilenweit nur Wasser. Und Haifischflossen. Er bemerkte, wie er langsam, aber sicher immer weiter sank. Aufwinde gab es hier nicht.

Ergeben fügte er sich in sein Schicksal, als ihn das kalte Wasser empfing und die Haie auf ihn zuschossen.


Anzahl Worte: 1170Anzahl Zeichen: 7485
Geschrieben am: 13.07.2008

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