Die Prüfung
08.03.2008 Mit dieser Geschichte ging ich sehr lange schwanger. Sie hat jetzt endlich ein Ende gefunden. Allerdings bedarf es hier noch einer ordentlichen Überarbeitung.
27.03.2008 Die Osterfeiertage habe ich genutzt, um die Geschichte weiter zu überarbeiten. Von 3578 Worten hab ich sie auf 2586 Worte gekürzt. Aber jetzt bin ich unsicher, ob sie mir noch gefällt
Hier kann man noch die Origialfassung lesen.Kritik, Lob oder einfach nur Kommentare können hier abgegeben werden
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„Was soll jetzt das?“ Ein enervierendes Geräusch zwingt mich, die Augen zu öffnen. Etwas benommen richte ich mich auf. Bin ich letztendlich doch eingeschlafen? Wo ist der Wecker? „Reiß dich mal zusammen“ schimpfe ich mit mir. „Steh jetzt auf und geh ins Bad“. „Das ist doch nicht irgendein Termin, den man einfach mal so wahrnimmt!! “ Mit dem Aufzug fahre in die unterste Etage. Wie viele Meter bin ich jetzt eigentlich unter der Oberfläche? Hundert Meter? Zweihundert Meter? Ich weiß es nicht. Und wenn ich das gefragt werde? Muss ich so was überhaupt wissen? Ich hab so viel gelernt in den letzen Jahren. Mut zur Lücke? Den habe ich nicht. Leider. Das macht das Lernen manchmal zur Qual. Heute werde ich sehen, ob es was genützt hat, mich so rein zu steigern. Die Ankunft an meinem Zielbahnhof befreit mich aus meinen wehmütigen Gedanken. Ich muss mich beeilen, damit ich den Ausstieg noch schaffe, bevor der Zug wieder anfährt. Kurze Orientierung. Aha, Der Aufzug dort drüben scheint der Richtige zu sein. Ich bemerke noch drei Andere, die dieselbe Kleidung wie ich tragen. Mehr oder weniger gleichzeitig steuern wir auf denselben Aufzug zu. Und wie immer in solchen Situationen, ein kurzes Kopfnicken, ein eher schüchternes „Guten Morgen“ und betretenes Schweigen beim Warten auf den Aufzug. Mit der Bemerkung „Ich nehme an, wir wollen alle in das selbe Stockwerk“ versuche ich die Situation aufzulockern, während wir alle zusammen im Aufzug stehen und gebe das Ziel am Terminal ein. 145. Von meinen Mitfahrern kommt nur ein scheues Lächeln. In wenigen Minuten sind wir in unserem Stockwerk angekommen. Der Anblick, der sich uns bietet, als sich die Fahrstuhltür öffnet, war schon irgendwie seltsam. Ungefähr 50 Frauen und Männer in identischer Kleidung versuchen es sich mehr oder weniger in einer ungemütlichen, kalt wirkender Vorhalle gemütlich zu machen. Die Gesichter wirken alle irgendwie angespannt oder nervös. Es sind immer noch zehn Minuten bis zur Prüfung. Ein tiefer, wohlklingender Gong ertönt. Eine mindestens drei Meter hohe Flügeltür öffnet sich. Wir werden herein gebeten. Wir betreten einen riesigen Saal. Freundliche Menschen erkundigen sich nach unserem Namen und geleiten uns zu unserem Platz. Für jeden von uns steht ein Tisch mit Stuhl bereit. Auf jedem Tisch steht ein Terminal und verschieden Eingabegeräte. Ich setze mich an den mir zugewiesenen Platz und untersuche sofort meinen Platz. Das Terminal ist ein Touchscreen. Davor liegt ein ganz normales Keyboard, wie es schon seit ewigen Zeiten benutzt wird. Daneben liegt eine Maus. Langsam werde ich immer nervöser. Ich versuche, möglichst unauffällig meine Hände an meiner Hose abzuwischen. Feuchte Hände! Wann hab ich so was zuletzt gehabt? Kann mich gar nicht erinnern. Und flau ist es mir auch im Magen. Ich hätte doch etwas frühstücken sollen. Um den Block bin ich auch nicht mehr gelaufen. Da bereite ich mich monatelang auf diese Prüfung vor und schaffe es doch tatsächlich, mit einer schlaflosen Nacht und einem hektischen Morgen alles zunichte zu machen. Ich werde auf jeden Fall die Tastatur zur Eingabe meiner Lösungen benutzen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Überlegung, ob meine feuchten Hände einen Kurzschluss am Touchscreen auslösen könne, etwas irrational sind. Aber sicher ist sicher. Langsam kehrt auch Ruhe ein. Das Stühle rücken, das Scharren von Schuhen, das Räuspern und das leise Gemurmel hatte so einen dichten Geräuschteppich über den Raum gelegt, dass erst jetzt auffällt, dass im Hintergrund leise klassische Musik spielt. Ist das Mendelsohn? Ja richtig. Die vierte Sinfonie, auch als italienische Sinfonie bekannt. Die Musik nimmt mir einiges meiner Anspannung. „Meine Damen und Herren, ich möchte sie hiermit herzlich begrüßen. Wir wollen uns nicht mit langen Vorreden aufhalten. Wie ich unschwer erkennen kann, trägt jeder von ihnen die Einheitskleidung. Neben der sicher diskutierbaren Tatsache, dass die Kleidung sehr attraktiv ist“, dabei lächelte er verschmitzt, „gibt uns diese Kleidung die Sicherheit, dass sie keine Möglichkeit hatten, keinerlei Hilfsmitteln, welche Art auch immer, hier herein zu schmuggeln. Ich möchte sie noch einmal darauf aufmerksam machen, dass jede Art von Betrug zum sofortigen Ausschluss aus dem Prüfungsverfahren führt. Sie brauchen sich auch keine Mühe zu geben, die Ergebnisse und Lösungsversuche ihrer Nachbarn anzuschauen. Jeder von Ihnen bekommt drei unterschiedliche Aufgaben. Auf dem Bildschirm vor ihnen werden sie, sobald wir mit der Prüfung beginnen, im oberen Drittel einen Balken sehen, der Ihnen anzeigen wird, wie viel Zeit zur Lösung Ihnen noch bleibt“. Nach einer kurzen Pause fährt er fort: “Darunter sehen sie eine Anzeige, die von Rot über Gelb bis zu Grün wechselt, je nachdem, wie sie mit der Beantwortung ihrer Fragen liegen. Für jeden von ihnen wird die Anzeige selbstverständlich anfänglich Rot anzeigen. Das System wird ihre Lösungsversuche in Echtzeit bewerten. Sie können das selbstverständlich auch ausnutzen und etwaige falsche Lösungswege sofort korrigieren. Ist ihre Zeit abgelaufen, wird der Bildschirm sofort schwarz und das System nimmt keinerlei Eingaben mehr an. Es bleibt mir nur noch, ihnen allen viel Erfolg zu wünschen. Fragen werden ab sofort keine mehr beantwortet. Die Prüfung beginnt JETZT“. Bei dem Wort „Jetzt“ dreht er sich um und verlässt ohne eine Miene zu verziehen das Podium. Der Erste wird aufgerufen. Mit unsicheren und schweren Schritten geht er durch die Tür. Die Tür schließt viel sanfter, als man es erwartet hätte. Leises Murmeln kommt auf. Aha, da unterhalten sich doch einige. Ich schaue mich um, finde aber nicht den Mut, jemand anzusprechen. Der Nächste ist dran. Auch er verschwindet nicht gerade glücklich aussehend hinter der Tür. Nach und nach leert sich der Raum. Es spricht niemand mehr. Wir sind noch ein knappes Dutzend, als endlich mein Name aufgerufen wird. Ich werde bestimmt ohnmächtig, wenn ich jetzt zur Tür laufe. Die Strecke schaffe ich nie! Wie ein Roboter setze ich einen Fuß vor den anderen und trete vor die Tür. Mir ist so schwindlig, dass mein Gesichtsfeld schon ganz eingegrenzt ist. Mit Müh und Not kann ich rechts und links die Türrahmen wahrnehmen. Ich muss an meine Frau denken. Ihre Prüfung war schon vor Monaten. Seit dem stand Etwas zwischen uns. Sie versprühte zwar tagsüber Optimismus und war immer gut gelaunt. Aber ich bemerkte immer wieder, wie sie mich, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, irgendwie sorgenvoll betrachtete. Mir war die ganze Zeit bewusst, dass sie etwas weiß, über das sie nicht reden kann. Nicht reden darf. Nun, ich werde es jetzt endlich erfahren. Hoffe ich. Dann wird nichts mehr zwischen uns stehen. Ich schüttle die Gedanken ab und sehe mich um. Vor mir steht ein Tisch hinter dem drei Personen sitzen. Links von mir sitzt eine Frau, daneben zwei Männer. Die Frau macht auf mich den Eindruck einer gutmütigen Großmutter. Sie strahlt etwas Liebevolles aus. Ihre Haare sind grau und zu einem Dutt zusammen gesteckt. Der Mann in der Mitte kommt bei mir sofort in die Schublade des Professors. Brille, Haare und Bart, sowie das milde Lächeln das er auf mir ruhen lässt, lassen keinen anderen Schluss zu. Zu dem Typ daneben habe ich keine Idee. Mittleres Alter. Durchschnittliches Gesicht. Kein Bart, keine Brille. Einfach ein ganz normaler Mensch. Das einzige, das ihn auszeichnet, ist seine Verschlossenheit. Er strahlt weder etwas Positives, noch etwas Negatives aus. Verschlossen ist wohl der richtige Ausdruck. Erwartungsvoll schaue ich von einem zum anderen. Der Verschlossene ergreift das Wort: „Als erstes möchte ich ihnen die Spannung, die ihnen so deutlich ins Gesicht geschrieben steht, nehmen. Ich freue mich, ihnen mitteilen zu können, dass sie alle Prüfungen erfolgreich bestanden haben.“ Seine Augen blicken plötzlich irgendwie milde und Stolz auf mich. „Wir müssen Ihnen wohl noch einiges erklären.“ Fährt er fort. „Die Prüfungen, die sie nun ihr ganzes Leben alle fünf Jahre begleiteten, sind jetzt zu einem guten Ende gekommen. Sie werden keiner weiteren Prüfung unterzogen.“ Der Professor fährt fort: „Ihr Intelligenzquotient, ihr emotionale Intelligenz sowie ihre soziale Kompetenz liegen weit über den Durchschnittswerten. Wir sind sehr stolz auf sie. Dazu gehört ihr Genmaterial zu den intaktesten, das wir in den letzten Jahren gefunden haben.“ Die Oma ergreift das Wort: „Wir sollten dem jungen Mann keinerlei Information mehr vorenthalten.“ Beide Männer nicken und blicken auffordernd zu der alten Dame hin. Sie räuspert sich leise und fährt fort. „Ich werde ein wenig ausholen: Wie Sie wissen, hat die große Epidemie im Jahre 2057 die Erdbevölkerung von neun Milliarden auf weniger als eine Milliarde zusammengeschrumpft. Die Kriege, die in den darauf folgenden vierzig Jahren immer wieder ausbrachen, haben nahezu achtzig Prozent der bewohnbaren Fläche verwüstet und die Atmosphäre nachhaltig vergiftet. Heute existieren noch ca. vier Millionen Menschen verteilt auf ca. einhundert geschützten Habitaten, die über den gesamten Planeten verteilt sind.“ „Das weiß ich doch alles“, wundere ich mich. Bleibe aber ruhig und warte, was jetzt noch kommt. „Was sie nicht wissen können“ fährt die alte Dame fort, „ ist, dass die gesamte Menschheit seit nahezu fünfzig Jahren unfruchtbar ist. Nur mit außergewöhnlich hohem technischen Aufwand und Einsatz wertvoller Ressourcen gelang es uns in der Vergangenheit, die Menschheit zu erhalten. Aber unsere Ressourcen gehen zu Ende. Wir sind einfach zu Viele für die noch verbleibenden Ressourcen. Die Menschheit muss in den nächsten hundert Jahren drastisch reduziert werden, damit nicht alles in einem Kollaps endet. Alle Regierungen der Habitate haben das gleiche Problem. Wir haben uns schon vor mehr als zwanzig Jahren auf diesen Weg geeinigt. Wichtigstes Auswahlkriterium ist das weitgehend intakte Genmaterial. Die Kandidaten werden die ersten zwanzig Jahre betreut und geprüft. Der größte Anteil fällt während dieser ersten Jahre aus den unterschiedlichsten Gründen aus dem Raster. Je nach Ergebnis gibt es dann eine Einstufung in drei Kategorien. Stufe 1: Zeugen Stufe 2: Zeugen und austragen Stufe 3: Zeugen, austragen und aufziehen. Sie haben als erster Stufe 4 erreicht! „ Stufe 4? In meinem Kopfrast es. Was soll Stufe 4 sein? Der Professor bemerkt mein fragendes Gesicht und erklärt: „Wir sind keine Ungeheuer. Auch wenn sich der Vortrag meiner Kollegin so anhören mag. Wir haben ermittelt, dass in spätestens fünfzig Jahren die Ressourcen in allen Habitaten für maximal 5000 Menschen pro Habitat reichen werden, um ein Überleben der Menschheit zu sichern. Die Atmosphäre wird in frühestens einhundert Jahren sich soweit regeneriert haben, dass wir wieder draußen atmen können. Die komplette Fauna und Fora, die in den letzten paar hundert Jahren überlebt hat, ist für uns noch so giftig, dass wir uns davon nicht ernähren können. Wir forschen alle mit Hochdruck ständig weiter, versuchen das aber realistisch zu sehen. „Okay, soweit verstanden“ unterbrach ich ihn, „ aber was bedeutet jetzt Stufe 4?“ „Wie gesagt, wir sind keine Ungeheuer. Sie und ihre Partnerin stellen für uns ein Glücksfall dar. Üblicherweise müssen wir bestehende Verbindungen lösen, da nur einer der Partner die Bedingungen erfüllt. Das bringt immer großes Leid über die Paare und bringt dem allem einen bitteren Beigeschmack. Mit Ihnen Beiden erfüllt sich für uns ein Traum. Es ist Liebe im Spiel und wir können uns keinen besseren Start für eine neue Menschheit vorstellen. |
| Anzahl Worte: 2586 Anzahl Zeichen: 13877 |
| Begonnen: Oktober 2003 vorläufig Beendet: März 2008 |
Anathem von Neal Stephenson



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